Ein komplexes Bewertungssystem

Wenn wir andere Menschen verstehen wollen, und ich meine hier nicht nur den Fall, andere Generationen verstehen zu wollen, dann müssen wir uns etwas Grundsätzliches bewusst machen: Output, also Verhalten, kann erst nach Input erfolgen. Das heißt ein Säugling, der erst wenige Stunden das Licht der Erde erblickt hat, kann Ihnen nur wenig subjektiven Output geben, weil er keinerlei Erfahrungen, Wahrnehmungen bisher gespeichert hat. Dieser kleine Mensch, muss sich ausschließlich auf die Instinkte verlassen, um überleben zu können. Sprache bildet sich demnach erst später. Wenn Input erfolgt ist und damit ein Sprachregister angelegt ist. Und so verhält es sich mit jedem Verhalten des Menschen. Dieses Verhalten ist geprägt durch individuellen Input seines Lebens.

Wenn Sie hier so sitzen und meinen Blog lesen, dann prasseln unzählige Informationen auf Sie ein. Zum einen die Informationen, die sie bewusst wahrnehmen und steuern. Das sind die Wörter, die sie gerade lesen und demnach bewusst aufnehmen. Aber gleichzeitig nehmen Sie viel, viel, viel mehr wahr: die Beschaffenheit der Tastatur, des Smartphones oder des Tablets, die Farbe der Hardware, die Raumtemperatur oder die Sonne am Strand, die Ihnen gerade auf den Bauch scheint, die Musik im Hintergrund, das Geräusch der Spülmaschine, das Tippen des Kollegen, das Vogelgezwitscher, den Duft frischer Brötchen vom Bäcker nebenan, den neuen Kaschmir-Pulli auf ihrer Haut, und, und, und, und… Den größten Teil nehmen sie nicht bewusst wahr. Und das ist auch gut so, sonst würden sie an einer Form von Autismus leiden und würden ihr Gehirn gnadenlos überfordern. Sie könnten nicht fokussieren.

Damit eine Fokussierung funktionieren kann, hat ihre Gehirn Filter eingebaut, nach welchen entschieden wird, was für Sie persönlich wichtig erscheint. Diese Filter sind absolut individuell und von unterschiedlichen Faktoren geprägt. Sie müssen sich das ganze Konzept wie eine Brille vorstellen, die sie aufsetzen, durch welche Sie bestimmte Dinge sehen und andere wiederum nicht oder nur verschwommen. Sie sehen die Welt mit anderen Augen, als Ihr Nachbar, Ihr Vermieter, Ihr Chef, Ihre Kollegin, Ihre Kinder, Ihr Hausmeister. Diese Filter sind einerseits geprägt durch Ihre Kultur, der Sie angehören. Ein Asiate sieht die Welt mit anderen Augen als ein Amerikaner. Dazu gehören unter anderem Bräuche, Sitten, Gewohnheiten eines Landes auch die Religion, der Sie vielleicht angehören. Andererseits sind Ihre Filter durch Ihre Profession geprägt. Sie haben in Ihrer Ausbildung und Ihrem Beruf gelernt auf bestimmte Dinge zu achten. So nehmen Elektrotechniker die Welt mit einer anderen Brille wahr als ein Mediziner. Klar gibt es Schnittmengen, doch blenden beide Berufsgruppen jeweils andere Information aus und geben wiederum anderen jeweils mehr Gewicht. Weiter sind Ihre Filter durch Ihre je individuelle Biografie geprägt. Und das ist ein sehr komplexes Konstrukt. Hier fallen Erfahrungen, Emotionen, wie auch Ängste, Geschlecht und ebenso Alter, Lebensabschnitte darunter. Die Filter ändern sich nahezu täglich und werden den jeweils für Sie derzeit wichtigen Lebensthemen angepasst. Schwangere Frauen erzählen beispielsweise, dass Sie überall Schwangere sehen, seit sie selbst schwanger sind. Sobald das Kind auf der Welt ist, schwächt diese „Schwangeren-Wahrnehmung“ wieder ab.

Wir sehen also die Dinge, die für uns wichtig erscheinen und wiederum andere werden ausgeblendet oder nur unbewusst wahrgenommen. Wenn Sie nun Informationen wahrnehmen, bewusst oder unbewusst, dann gelangen diese über Ihre Sinne – Sehen, Riechen, Schmecken, Hören, Tasten – in Ihr Gehirn. Sie müssen sich das Gehirn vorstellen, wie einen riesigen Raum mit ganz vielen Schubladen, in denen Informationen abgelegt sind. Aber bitte nicht vorstellen wie ein festes Konstrukt, nein, es handelt sich um ein Schubladensystem, das untereinander vernetzt ist und unzählige kleine Männchen im Kopf nehmen ständig einkommende Informationen auf, bewerten diese, ordnen diese ein, während sie ältere Informationen, neu einordnen, anders ablegen oder mit neuem verknüpfen. Erfolgreich ist demnach derjenige, der Flexibilität in seinem Schubladensystem aufweist und Dinge permanent neu bewertet, einordnet, vernetzt und damit Zusammenhänge herstellt. Schubladendenken an sich hat immer einen negativen Beigeschmack, weil wir davon ausgehen, dass Menschen zu schnell Bewertungen und damit Einordnungen vornehmen. Aber: Um diesen kognitiven Prozess überhaupt leisten zu können benötigt es ein Ordnungs- und damit Bewertungssystem. Und das schöne an Schubladen ist ja: Man kann sie jederzeit wieder öffnen und das darin abgelegte in einen andere Schublade einordnen.

Bei einem Kleinkind werden täglich unzählige solcher Schubladen im Kopf angelegt. Je älter man wird desto niedriger wird diese Anzahl neuer Schubladen. Das Gehirn ist in der Regel „faul“ um die Komplexität und auch die Geschwindigkeit der Wahrnehmung stemmen zu können und ordnet damit gerne wahrgenommene Informationen in bereits angelegte Schubladen ein. Daher kommt es nicht selten zu vorschnellen Bewertungen: Wenn die Information durch die Vorauswahl unserer Filter im Gehirn angekommen ist, dann bewerten wir diese und legen diese Information ab. Wir knüpfen in der Regel an Bekanntes an. Durchaus kommt es vor, dass sich Informationen in keine unserer Schubladen einordnen lassen. Dann muss eine neue angelegt werden. Das erklärt auch, warum uns völlig neue Themen mehr Zeit kosten, sie zu erfassen und sie zu verstehen.

Betrachten wir diesen komplexen Wahrnehmungsprozess, wird uns klar, wie es vor allem wegen unserer extrem unterschiedlichen Filter zu völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen unserer Welt kommen kann. Jeder sieht die Dinge durch eine andere Brille. Und bedenken Sie: Für einen Pessimisten ist die Welt grau und schlecht. Für einen Optimisten ist sie strahlend, nett und freundlich. Jeder konstruiert sich seine eigene Wirklichkeit. Jeder ist selbst verantwortlich für seine Sicht der Dinge. Und man sagt auch: Menschen leiden nicht an ihrem Leben, sondern an den Geschichten, die sie über ihr Leben erzählen.