Alles kann, nichts muss.

Neben der Frage nach Moral oder Werten drängt sich mehr und mehr der Gedanke auf, dass wir in einer Gesellschaft wie der unsrigen weniger vomWerteverfall sprechen müssen, sondern vielmehr von einer Werteexplosion. Viele Werte stehen nebeneinander und müssen nebeneinander existieren können, vom anderen Wertesystem akzeptiert werden. Rein nach dem Motto: alles kann, nichts muss. Die Welt ist bunter geworden.

Früher war eine Gesellschaft einfacher strukturiert. Es gab eine Menschengruppe, welche sich ein und denselben Wertekanon teilte. Die Gesellschaft war damit in den Werten homogener als jetzt. Es gab einen größten gemeinsamen Nenner, Werte nach denen der Großteil einer Gesellschaft lebte: In unseren Breitengraden wurde der Wertekanon von der Kirche definiert. Oder auch durch Kreuzzüge oktroyiert. Wir denken in diesem Kontext an die 10 Gebote. Die Kirche entscheidet über Gut und Böse, und die Einführung von Himmel und Hölle mach das Bild noch rund. Nach diesem Wertemodell der Kirche musste man leben, sonst wurde man aus der Gesellschaft ausgestoßen, was Kriminalität oder Tod zur Folge gehabt hätte. Randgruppen wie Diebe, Gesindel, „Vogelwilde“, zum Abschuss freigegeben bildeten sich und konnten aber nur in den eigenen Kreisen überleben. Von der großen Gesellschaft waren sie für immer und ewig ausgegliedert. So hatte nahezu jeder Mensch des gesellschaftlichen Lebens den gleichen Wertekanon und die Menschen bestätigten sich gegenseitig darin. Was lebensnotwendig war. Viktor Frankl (1985) spricht im Zusammenhang von Werten auch von Sinn-Universalien: die Werte sind damit einer Personengruppe übergeordnet, also ein Überbegriff für unterschiedliche Sinn-Erfahrungen. Den Sinn muss jeder individuell erkennen, aber alle Menschen einer Gruppe teilen sich dieselben Werte.

Jedoch in der heutigen Zeit, durch die Globalisierung, die Öffnung der Grenzen, die Infrastruktur, das multikulturelle Bild in Städten gibt es eine Durchmischung von Kulturen und Religionen. Plötzlich leben zig Menschen mit den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen, Kulturen und Sexualitäten nebeneinander. Es gibt nun keinen größten gemeinsamen Nenner mehr, es gibt zu viele unterschiedliche Werte. Das Streben nach persönlichem Glück und Selbstverwirklichung leisten ihren Beitrag zu einer Welt mit ansteigender Anzahl von individuellen Werten. Und in einer modernen Gesellschaft, in der jeder gleich zu behandeln ist, müssen nun diese mannigfaltigen Gruppen mit ihren noch mannigfaltigeren Werten nebeneinander bestehen. Es besteht zwar in jedem Land einen juristischen Apparat, in welchem Regeln und Verbote aufgelistet sind. Aber jede dieser Gruppen in einer Gesellschaft hat seine je eigenen Werte. Und so leben Muslime, Homosexuelle, Katholiken nebeneinander, Tür an Tür.  Jeder hat seine eigenen Werte, und Gruppenmitglieder erleben durch das Leben dieser Werte Sinn. Hinzu kommt, dass wir immer mehreren Gruppen angehören. Wir arbeiten bei einem Arbeitgeber, gehören einer Religion an, engagieren uns im Verein….Auf all diesen unterschiedlichen Bühnen, spielen wir in einer jeweils unterschiedlichen Inszenierung eine andere Rolle mit jeweils anderem Drehbuch und damit anderen Werten und Normen.  Und mit all diesen unterschiedlichen Bühnen, Ensembles, Stücken und damit Organisationen teilen wir einen Großteil unserer Werte bzw. durch die Zugehörigkeit wird unser eigenes Wertesystem beeinflusst. Wir lernen neue Werte kennen, integrieren diese in unser bestehendes Wertesystem und sortieren dafür vielleicht alte Werte aus. Man muss sich das Wertesystem vorstellen, wie eine Schatzkammer. In dieser Kammer bewahren wir alles auf, was uns etwas wert ist. Es kommen neue Dinge hinzu, das Regal wird voller, aber es werden auch alte Dinge, die einem vielleicht nicht mehr gefallen und ihren Wert verloren haben aussortiert. So trägt jeder Mensch seine eigene Werte-Schatzkammer mit sich herum. Und jede Schatzkammer sieht anders aus. Keine ist identisch mit einer anderen.

Die Schwierigkeit dieser vielen Werte einzelner Systeme ist, dass sich ihre Werte möglicherweise sogar ausschließen und aus der Perspektive einer anderen Gruppe Leben und Sein der Nachbarsgruppe keinen Sinn ergibt. So verletzten Terroristen die Werte und Gesetze eines fremden Landes, indem diese nach den je eigenen Werten ihrer Gruppe leben und dadurch Sinn erfahren. Oder: Der Ehrenmord bei den Muslimen widerspricht dem Gebot „Du sollst nicht töten.“ bei den Katholiken. Aus Sicht der Katholiken ein Werteverfall – aus Sicht eines gläubigen Muslimen Bestätigung des eigenen Wertekanons. Oder ein anderes Beispiel: Ich hatte einmal einen neuen Mitarbeiter, der mich bat, den Termin für die Unterzeichnung seines Arbeitsvertrags zu verschieben, da an jenem Tag die Sterne äußerst ungünstig stünden. Für jemanden der sich nicht mit Astrologie beschäftigt und sich nicht damit identifizieren kann ein absolut sinnloser Vorgang, den Termin zu verschieben. Doch für denjenigen, der nach den Gesetzen der Astrologie lebt, ein fast schon überlebenswichtiger und damit sinnvoller Schritt.

Ich möchte diese Beispiele hier nun völlig wertungsfrei stehen lassen. Im Grunde gibt es heutzutage keine Instanz mehr in einer Gesellschaft, die über Gut und Böse, wie die Kirche in früheren Zeiten urteilt. Wir haben auch kein gesellschaftliches Ideal eines guten Menschen, wie bei den Römern den vir bonus. Es fehlt augenscheinlich an moralischen gemeinsamen Vorstellungen. Es fehlt dieser übergeordnete Wertekanon, die Sinn-Universalien, die den Menschen Orientierung, Richtung und damit das Tun innerhalb einer Gesellschaft für alle sinnvoll erscheinen lässt. Wir haben es also nicht mit Wertverfall in unserer Gesellschaft zu tun sondern vielmehr um eine Vielzahl von unterschiedlichen Wertsystemen, die sich möglicherweise gegenseitig ausschließen. Von außen gesehen, aus der Perspektive eines bestimmten Wertesystems, dem wir uns zugehörig fühlen, mögen die Werte eines anderen Systems als Werteverfall gesehen werden. Aber jeder von uns ist für seine eigenen Sicht der Dinge verantwortlich.

Der Konflikt besteht nun darin, dass in einem freien Land wie Deutschland Werte nebeneinander stehen dürfen und jeder ein Recht auf freie Entfaltung und Meinungsäußerung hat. Jeder hat das Recht Sinn zu erfahren, wenn er nach seinen je eigenen Werten leben – vorausgesetzt sie verstoßen nicht gegen das Gesetz. Und auch wenn sich diese Werte gegenseitig ausschließen und Sein und Tun für manchen aus der Außenperspektive auf eine Gruppe keinen Sinn machen, sie müssen nebeneinander existieren. So haben wir als Zughörige einer Gruppe die Perspektive von außen auf unterschiedliche andere Wertsysteme, die unserem eigenen Wertsystem nicht entsprechen, sogar von diesem ausgeschlossen werden. Wir sehen in deren Tun und Sein keinen Sinn, weil wir ein anderes Wertesystem besitzen. Und schnell urteilen wir aus unserem Kosmos heraus mit Werteverfall. Dabei handelt es sich vielmehr um eine bunte Gesellschaft – um eine Vielzahl von Gruppen mit ihren je individuellen Werten und ihren noch individuelleren Sinn-Erfahrungen. Der laute Knall, den wir als bedrohlichen Werteverfall wahrnehmen ist in Wirklichkeit eine Werteexplosion. Und was es jetzt braucht, den Raum, die Akzeptanz und Toleranz, in der alle Wertsysteme ohne Bewertung nebeneinander gleichberechtigt stehen können und damit jedes Wertesystem für sich Sinn macht.

„The idea if you want to work hard it doesn´t matter who you are or where you come from or what you look like or where you laugh. It doesn’t matter what you’re black or white or Spanin or Asian or Native American. Or young or old, or rich or poor, abled, disabled, gay or straight. You can make it here in America if you want it to try.” Barack Obama 7.11.2012, Rede anlässlich seiner Wiederwahl.