Die neue Herausforderung an Systeme

Wir haben in unserem Gesellschaftssystem eine Vielzahl von Gruppen, mit unterschiedlichen und oft sogar sich ausschließenden Wertesystemen, welche wiederum eine noch größere Anzahl an Definitionen von Sinn, „was macht für mich Sinn?“ mit sich bringt. – Sinn macht das, was für mich persönlich einen Wert hat. – Wir streben ein Miteinander in einer Gesellschaft an, trotz einer stetig geringer werdenden Anzahl gemeinsamer Werte.  Wir leben in einer Welt in der eine Vielzahl an Werten existiert, in einer Welt der Werteexplosion. Jeder kann sich nach den je eigenen Wertsystemen entfalten und somit Sinn erfahren.

Aber wir leben auch in einer Welt der Wertediffusion: Werte driften auseinander, schließen sich gegenseitig aus oder bedrohen sich sogar. In einer Welt der Wertediffusion haben wir ein Nebeneinander und gleichzeitig ein Gegeneinander: Eine Vielzahl an Werten von einzelnen Gruppen steht nebeneinander, schließen sich jedoch in vielen Fällen gegenseitig aus. Welten prallen aufeinander, Konflikte sind vorprogrammiert. Doch wer regelt nun Gut und Böse, wenn es die Religiosität, der größte gemeinsame Nenner einer Gesellschaft nicht mehr tut? Wer oder was lässt Beurteilungen und Bewertungen zu?

Ich wage in diesem Diskurs folgende Hypothesen:

Die Anzahl der Sinn-Erfahrungen ergibt sich aus der Multiplikation der Anzahl der Werte einer Gruppe und der Anzahl der Gruppenmitglieder. Die Anzahl der Sinn-Erfahrungen ist damit immer gleich oder höher als die Anzahl der Werte. Die Werte sind damit die abhängige Variable für die Erfahrung von Sinn.  

Sinn ist individuell. Das bedeutet, ich erfahre Sinn immer über die Bestätigung meiner Werte durch ein anderes System. Teile ich nun beispielsweise mit drei Personen in meinem Team den Wert Leistungsorientierung, dann haben wir zwar einen gemeinsamen Wert, der uns Orientierung und damit Sinn gibt. Der Sinn gestaltet sich jedoch für jeden von uns wiederum ganz individuell. Jeder Mensch erfährt Sinn ganz individuell. Das ist die konnotative Komponente dieser Geschichte.

Um die Konnotation an sich etwas klarer zu machen: Denken Sie bitte einmal an einen Hund. Wie sieht dieser aus? Jetzt könnten Sie vielleicht sagen, braun, kniehoch, Schlappohren, Mischling. Ihr Kollege nebenan hingegen würde den Hund in seiner Vorstellung eher so beschreiben: groß, schwarz, fletscht die Zähne, fieser Block und außerdem habe ich Angst davor. Sie sehen, wir haben ein ganz einfaches Wort „Hund“ von dem wir alle glauben, dass wir wissen, was dieses Wort bedeutet. Doch für jeden von uns hat ein bestimmter Begriff aufgrund individueller Erfahrungen, Biografie, Profession, etc.  ein ganz eigenes individuelles Bild, mit ganz eigenen individuellen Emotionen verknüpft. Das ist die Konnotation des Begriffes Hund. Die Denotation des Begriffes Hund ist die allgemeingültige Definition, welche auch beispielsweise im Duden steht, aber kein konkretes Bild damit verknüpft.

Und genauso verhält es sich mit Wert und Sinn: Der Wert ist die denotative Komponente, also die allgemeingültige übergeordnete abstrakte Definition. Sinn ist die konnotative Komponente, das was bei Bestätigung des Wertes individuell bei uns im Kopf entsteht, verknüpft mit Emotionen, Erfahrungen, Bildern. In unserem Beispiel gedacht, haben wir nun einen Wert Leistungsorientierung, aber bei drei Gruppenmitgliedern, die sich den Wert teilen, drei ganz unterschiedliche Sinn-Erfahrungen, Sinn-Bilder. Sinn verhält sich damit überproportional zu den Werten. Und je mehr unterschiedliche Werte in einer Gesellschaft sind, umso mehr Sinn-Bilder, Sinn-Erfahrungen gibt es.

Was uns zur nächsten Hypothese führt: Je mehr Gruppen in einer Gesellschaft bestehen, desto mehr Werte existieren in einer Gesellschaft nebeneinander und desto mehr Sinn-Erfahrungen gibt es in einer Gesellschaft. Es ist damit gerade für Arbeitgeber aufgrund der Vielzahl von Werten und der noch größeren Zahl von Sinn-Erfahrungen schwierig und eine Herausforderung, allen Mitarbeitern die Möglichkeit am Arbeitsplatz Sinn zu erfahren. Je größer damit das Unternehmen wird, desto schwieriger wird es aufgrund der Vielzahl von individuellen Werten, allen Mitarbeitern einen sinnstiftenden Arbeitsplatz zu bieten.