Hamburg, 8.30 Uhr wieder mal Regen, Zwischenstopp in München, es ist ziemlich windig. Weiterflug nach Rom, die Sonne brennt. Die Frisur der attraktiven Frau, die den ganzen Tag im Flieger verbringt, sitzt, das war 1989.

1995 erfährt der TV-Spot  für Haarspray ein Redesign im Sinne der Globalisierung – morgens Berlin, Windstärke 5. London: Umsteigen bei Regen. Mit der Concorde über den Atlantik  nach New York, wo bei 30 Grad – genauso wie 1989 in Rom – die Sonne brennt. Aber Hauptsache die Frisur sitzt.

Aufgewachsen in den 80ern und 90ern, in einer Welt, in der Fliegen wie Busfahren ist, man stets dabei auch noch gut aussieht und es sogar ein Haarspray gibt, dass sich diesem schnellen Ortswechsel anpasst. In einer Welt, in der alles möglich ist, morgens Berlin, mittags London, nachmittags New York, ist in den Köpfen der Generation Y die Vorstellung einer sehr übersichtlichen und leicht kontrollierbaren Welt verankert.

Fliegen ist seit Jahren kein Luxus mehr, sondern normales Fortbewegungsmittel. Fremde Länder besuchen kein Problem  – gerne auch gleich mehrere an einem Tag. Und für jedes Problem – sogar fürs Wetter gibt es eine Lösung. Zumindest ein Haarspray.

Längere Auslandsaufenthalte während des Studiums sind ein Muss zur Entwicklung interkultureller Kompetenz und nicht zuletzt Persönlichkeit. Es ist normal geworden, jeden Tag an einem anderen Ort zu sein und auch dort zu arbeiten.

Doch nach dem Studium sind viele junge Leute schockiert: Sie sollen tagtäglich in ein und demselben Kasten sitzen und dann auch noch in einer Stadt, die sie vielleicht nicht einmal selbst ausgewählt haben? Das widerstrebt ihrem Wert Freiheit und kann zu tiefen Depressionen führen. Der Arbeitgeber schreibt vor, wann und wo man tagtäglich zu sein hat, ja sogar wo man seinen Lebensmittelpunkt hinverlagert. Wertekollision vorprogrammiert. Eine Generation, die die Welt als klein und übersichtlich wahrnimmt, welche Flugreisen nicht  mehr als Luxus sondern als öffentliches Verkehrsmittel wie die Straßenbahn ansieht und die aufgrund der Möglichkeiten des Internets und neuer Technologien gewohnt ist zeit- und ortsunabhängig zu arbeiten, ist von den Arbeitsformen vieler deutscher Unternehmen irritiert. Sie empfinden die Vorgabe von Ort und Zeit als enges Korsett, das nicht zu ihren  Werten passt. Diese Generation will selbst bestimmen, wann und wo sie arbeitet. Sie will keine Zeiterfassung, die überwacht und dokumentiert, wie lange sie im Büro sitzen – sei es schuftend oder in der Nase popelnd. Das erscheint ihnen sinnlos, denn schließlich geben sie abends ihr Gehirn nicht an der Pforte ab. Sie arbeiten auch abends und am Wochenende an ihren Ideen weiter.

Sie sind es gewohnt dauer-online zu sein, das bedeutet für sie nicht Stress, sondern ist für viele zwingende Notwendigkeit. Ob in einem kleinen Café in Florenz, das Konzept ausgearbeitet wird oder die Telefonkonferenz von einem Hotelzimmer aus Shanghai geführt wird oder ob man vom heimischen dörflichen Idyll neben Opas Kuhweide via Skype ein Meeting absolviert – was dieser Generation wichtig ist, ist eine klare Zielvorgabe. Den Weg, den Ort und die Zeit, ja die Selbstorganisation möchten viele dieser neuen Generation Y selbst wählen. Feste Arbeitszeiten passen nicht in das Bild, was sie von der Welt, in der man frei, international, unabhängig ist, haben.

Wir alle denken heutzutage, wir wären frei. Die Sklaverei ist abgeschafft, es gibt Gesetze für Persönlichkeitsrecht und auch sonst sind in unserer Gesellschaft den Menschen alle räumlichen Grenzen genommen worden – zumindest seit 1988 ist das in Deutschland so. Wir sollten also rundum zufrieden sein, mit der Freiheit, für die unsere Vorfahren jahrhundertelang gekämpft haben. Freiheit ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Nicht umsonst ist heute noch eines der Höchststrafen der Freiheitsentzug. Doch sind wir wirklich frei? Frei im Handeln und im Denken. Ich behaupte, Freiheit ist unserem Alltag und vor allem Arbeitsalltag eine Illusion. Klar wählen wir unseren Arbeitgeber aus freien Stücken heraus und auch klar, dass wir jeden Morgen frei-willig in die Anstalt unseres täglichen Tuns gehen. Doch ist es das, was wir wirklich frei-willig – aus freiem Willen heraus tun. Ich behaupte Nein.

Befragt man Mitarbeiter, dann sind es nur die wenigsten die sagen, ich würde jetzt nichts lieber machen als beispielsweise hier in diesem grauen Kasten vor einer grauen Kiste zu sitzen und Zahlen in die Tastatur zu hacken. Unsere Arbeitssysteme sind voll von Einschränkungen, Mauern und Grenzen, in denen wir uns bewegen oder manchmal zumindest versuchen zu bewegen, während eine schwere Stahlkugel an unserem Fuß stöhnend hinter uns herschleift.

Die Zeiterfassung hat seit Jahren Bestand in deutschen Unternehmen. Und auch mit gutem Recht. Denn durch sie ist gewährleistet, dass Ressource Mensch anwesend ist, Prozesse reibungslos verlaufen und vor allem in der Produktion keine millionenschwere Ausfälle zu verzeichnen sind. In einer Gesellschaft des freien Willen – den uns laut Bibel Gott gegeben hat – ist dieses System der Zeiterfassung eine Herausforderung. Denn die Bestimmung darüber wann und wie lange ein Mensch an einem bestimmten Ort zu sein hat, hat wenig zu tun mit der Selbstbestimmtheit eines Menschen. Ob dieser Mensch, dann dort auch wirklich etwas leistet, das ist mit dem System der Zeiterfassung noch lange nicht gewährleistet. Im Zuge dessen, dass die Tätigkeiten vielmehr kognitiv ausgelegt sind, der Mensch auch selbst Verantwortung für sich selbst übernehmen kann ist eine Form der Diktatur der zeitlichen Anwesenheit aus meiner Sicht überholt.

Ich wage die These zu behaupten, dass Menschen mit einem Leistungsmotiv sehr viel produktiver und ergebnisorientierter sind, wenn es in ihrer Hand liegt, wie die zeitliche Gestaltung ihrer Arbeit aussieht. Wichtig dabei ist, dass der Auftrag und das Ziel sowie der Abgabetermin klar sind. Wie der Mitarbeiter letztendlich das Ergebnis erreicht und damit pünktlich liefert ist absolut gleichgültig. Ob er dies in Nachtarbeit bei einem Glas Rotwein, auf der Liegewiese im Freibad oder aber auf einem Strandtuch in der Karibik macht, ist völlig nebensächlich. Das Ergebnis zählt und die neuen Medien machen es möglich. Der Mitarbeiter ist im Zuge dessen nicht nur für sein Ergebnis und den Weg dorthin verantwortlich sondern auch für die Interaktion mit Kollegen. Er bestimmt, wie diese Interaktion für seine Arbeit stattzufinden hat. Der Arbeitgeber kann hier den Rahmen bilden. Indem er Raum für Jour Fixes, Round Tables oder Stammtische gibt. Die Verantwortung liegt beim Mitarbeiter selbst, der pünktlich sein Ergebnis abliefert. Jetzt drängt sich der Einwand vor: Ja aber, wenn das System von Menschen ausgenutzt wird. Wenn Ergebnisse nach hinten verschoben werden, wenn die Qualität doch nicht so stimmt, wenn Abstimmungen fehlen etc. 1. Dies alles bedingt Vertrauen, 2. Werte, die Mitarbeiter und Unternehmen teilen und damit 3. Einer Unterscheidung zwischen Menschen, welchen der Wert Freiheit wichtig ist und den anderen welchen Sicherheit vorrangig erscheint.

Es gibt sehr viele Menschen, vor allem in älteren Generationen, denen die Zeiterfassung sehr wichtig ist, weil sie ihnen Sicherheit gibt. Im Gespräch über die Sinnhaftigkeit der Zeiterfassung mit einer Sachbearbeiterin aus dem Personalbereich, ich glaube sie ist etwa 60 Jahre alt, erhielt ich die Antwort: „Ich habe abends die Sicherheit, dass ich etwas getan habe. Ich habe damit, mit der Stundenzahl meiner Anwesenheit in mein Arbeitnehmerkonto einbezahlt und kann beruhigt nach Hause gehen, mit der Sicherheit im Hinterkopf, dass meine Arbeitsstunden in Geld bzw. in Freizeit umgewandelt werden.“

Um als Arbeitgeber von der jungen Generation als attraktiv wahrgenommen zu werden, muss es möglich sein, flexible Arbeitsmodelle anzubieten. Arbeitsmodelle, die es erlauben, ortsunabhängig aber auch zeitunabhängig – wie an Wochenende – zu arbeiten. Dann erfahren junge Mitarbeiter mit einem hohen Wert an Freiheit und Selbstgestaltung Sinn. Und man würde gleichzeitig der Entwicklung der Verstädterung entgegen wirken: Der Trend, dass einige dörfliche Regionen in Deutschland veraltern hat nicht damit zu tun, dass junge Menschen dort nicht wohnen möchten. Sie können es schlichtweg einfach nicht, weil Unternehmen meist ein Großstädten angesiedelt sind, dort gibt es die Arbeitsplätze. Würde man flexible Arbeitsmodelle anbieten, so könnte man auch gleichzeitig die Mitarbeiter gewinnen, die einen hohen Wert in ihrer Heimat oder in ländlichen Regionen sehen. Sie könnten dann den Lebensmittelpunkt so wählen, dass es für sie Sinn macht und zu bestimmten Präsenzzeiten im Office sein.

Ich glaube, dass eine derartige Ortsunabhängigkeit in der heutigen Zeit der neuen Technologien und einem neuen Bewusstsein von Globalisierung, kein Problem wäre, dieses neue Modell zu etablieren. Die Schwierigkeit besteht auch hier wieder darin, die älteren Mitarbeiter mit ihren jeweiligen Werten, die in einem streng strukturierten System mit festen Arbeitszeiten und einem festen Arbeitsort zu finden sind, motiviert in die neue Welt mitzunehmen bzw. beide Wertsysteme nebeneinander stehen zu lassen und beiden Sinn zu geben.